Die Wanderung vom Elsass in den tiefen Jura ist landschaftlich sehr abwechslungsreich, aber auch streng. Am zweiten Tag denke ich mehrere Male daran abzubrechen. Ein Ziehen im rechten Knie ist schmerzhaft. Abhilfe bringt ein Besuch in der Apotheke in Delle. Zwei Tuben Arnika-Salbe und eine Knie-Bandage bringen Abhilfe. Die beiden letzten Tage wird es markant heiss, die Wanderung dem Doubs entlang dafür landschaftlich sehr reizvoll.

Tag 8: Elsässische Gastfreundschaft
Die Anreise nach Hesingue gelingt am einfachsten vom Bahnhof Basel mit dem Tram Richtung St. Louis. Bei der ersten Station nach der Grenze, bei
In Hesingue mache ich mich gleich auf den Weg. Nach wenigen Minuten bin ich komplett im Grünen unterwegs. Wäre nicht ab und an ein Flugzeugbrummen, niemand ahnte, dass Basel nur ca. 10 Kilometer entfernt läge.

Nach einer längeren Waldpassage folgt ein kleines Dorf, danach ein Landsträsschen ohne Verkehr. Es geht leicht hinauf, nicht der Rede wert, aber oben der Blick zurück auf Basel ist erhaben.

Der nächste Ort heisst Knoeringue. Ich wandere auf der Rue de Bâle, wobei darunter Basler Stoss steht. Gerne würde ich dem Elsässischen lauschen, höre aber überall «nur» Französisch.

Leider besitzt Knoeringue keinen Laden, dafür einen 24/7-Pizza-Automaten. Obwohl hungrig, habe ich davon abgesehen, das Gerät «anzuwerfen». Einem angeklebten Blatt lässt sich eine Telefonnummer ablesen.
Wenn ich es richtig verstanden habe, könne dort Hilfe angefordert werden. Es scheint irgendwie so, dass der Automat mehr Kulisse den autonome Pizza-Bäckerei ist. Ob dem so ist, kann nicht gesagt werden, aber ein Test reizt mich unter dieser Prämisse zu wenig.

Auf dem Smartphone finde ich ein Restaurant. Es wird mir angezeigt «Öffnet in 9 Minuten», doch da will ich hin. Es brennt ein Licht, die Türe ist offen, auch wenn das Restaurant um 11 Uhr leer ist.

Eine Frau schaut mich kurz an und fragt mich danach in gut verständlichem Elsässer-Dialekt, was ich haben möchte. Ich sei auf der Suche nach etwas Trinken, und essen würde ich auch etwas. Das Restaurant öffne zwar erst um 12 Uhr. aber wenn es mich nicht störe, dass sie auch gleich essen würden, dann könne ich gerne etwas bestellen.
Wir kommen miteinander ins Gespräch und spontan frage ich nach, ob sie mir ein Interview geben könne, da sie Elsässisch spreche. Sie sagt mir, doch gerne, aber ihre Schwester könne/müsse auch dabei sein, sie führten das Restaurant zusammen.
Im Gespräch erfahre ich, dass das Elsässisch bei den Jungen einen schweren Stand habe. Aber immerhin, im Kindergarten werde es wieder unterrichtet. Isabel und Sandra führen das Lokal in vierter Generatin. Ob ich Hansjörg Schneider kenne, fragt mich Isabel. Dieser sei oft hier zu Besuch gewesen, er habe auch im Nachbardorf ein Haus gehabt. Es sei gar eine Szene (konkret ab Minute 40) aus «Hunkeler macht Sachen» hier gedreht worden.
Wohl genährt, sowohl in kultureller wie kulinarischer Art, mache ich mich auf den weiteren Weg. Und nein, ich wäre mit dem Pizza-Automaten denkbar schlecht gefahren, im Vergleich zum Restaurant au Chasseur in Knoeringue. An Isabel und Sandra herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
Gespeist habe ich im übrigen auch sehr feudal. Währschafte Brot-Suppe, grosse Salatkreation und feinste Bratkartoffeln, ich bin auch ohne Fleisch restlos zufrieden und sehr gut verköstigt.

Es folgt eine lange Gerade, erst mit Asphalt, später ohne Asphalt, aber trocken und steinig.

Irgendwann biegt der Weg nach links ab, es geht endlos durch die Landschaft. Es ist ein Eintauchen in eine so ganz andere Weite, eine Dimension, welche die Schweiz nicht kennt, die aber gleich hinter Basel beginnt.

Es geht über viele grasige und nasse Pfade. Mit einem leichten Regen «lande» ich am Ende des Tages im Weiler Niederlarg, in der Gemeinde Mooslargue. Schöner kann das zweisprachige Elsäss nicht vorgestellt werden.
Der Weiler zu klein für die Frankophonisierung, die Gemeinde zu gross, um es nicht zu tun, aber eben auch nicht allumfassend im Gesamten. Übersetzt hiesse Mooslargue wohl weites Riedland. Und genau so fühlt es sich an.
Hier eine Unterkunft zu finden, ist nicht einfach. Das Golf & Horse Resort scheint in dieser Gegend die einzige Übernachtungsmgöglichkeit weit und breit zu sein. Im Ressort selber gibt es kein Restaurant. Ich könne es im ca. 500 Meter entfernten Golfclub versuchen, auf Anfrage könne dort gespiesen werden.
Ich bin müde, zu müde, um zu Fuss das Restaurant inmitten der weitläufigen Anlage zum Essen aufzusuchen. Ich begnüge mich mit dem Automaten an der Rezeption. Etwas zu Knabbern hätte es gegeben. Beim «Einchecken» kaufte ich nur Getränke und danach war mir selbst der Weg zur Knaberbox zu beschwerlich. Oder anders herum gesagt, bin ich einfach müde mit gestreckten Beinen eingeschlafen.
Tag 9: Mit Schmerzen zur Pharmacie
Früh am Morgen mache ich mich auf den Weg. Es geht durch matschige Wege, ehe ich nach Pfefferhausen das Elsass endgültig verlasse. Im Departement Belfort gibt es keine elsässischen Bezeichnungen mehr.

Ich bin müde, im rechten Bein verspüre ich ein schmerzhaftes Ziehen. Zeit für eine Pause denke ich. Der Versuch, die Drohne ab Boden zu starten, scheitert. Es lässt sich kein ebener Startplatz finden. Ich setze mich hin und starte ab Hand. Klappt wunderbar, bis das Teil oberhalb von mir im Baum verfängt. Müde wie ich bin, habe ich nicht mitgekriegt, dass ich mich unter einen Baum gesetzt habe.

Nun hängt sie da am Baum, in etwa sechs Meter Höhe. Aus Ästen baue ich eine «Fangzange». Mit zwei Ästen und einem Wanderstock zur Stange gebunden, gelingt das Kundstück, das Teil auf den Boden zu holen. Müde wie ich bin, bemerke ich aber nicht, dass ein Propeller zum Teil abgebrochen ist.
So starte ich erneut (diesmal frei stehend). Aufgrund des defekten Propellers surrt das Teil unkontrolliert zum Bau und verfängt erneut, diesmal wohl in fünf Metern. Die Stange hatte ich zuvor (leider) bereits abgebaut. Also erneut Stangenbau, Schütteln und Einfangen.
Gute eineinhalb Stunden beschäftigt mich die «Bergung». Die Ersatzpropeller hab ich leider nicht dabei, womit das Drohnenabenteuer für die nächsten Tage erledigt ist. Immerhin, die Knieschmerzen waren während dieser Zeit «entschwunden». Auf der nächsten Landstrasse sind sie aber leider schnell wieder da.

Im nächsten Dorf treffe ich, nun ganz ohne deutsch klingende Strassenschilder, erneut auf schöne Riegelhäuser. Ein Mann fragt mich, ob ich bis nach Santiago laufen wolle. Meine Gedankens sind beim schmerzenden Knie bzw. einem Übungsabbruch. Ich stammle etwas in schlechtem Französisch, dass ich nach Delle wolle.
Da ich weder mit Pilgerstock noch mit Jakobs-Muschel unterwegs bin, frage ich mich, warum er mich nach Santiago fragte. Kurze Zeit später finde ich Schilder, dass ich auf dem Jakobsweg bin, der Weg führte in der Tat bis nach Santjago.

Trotzdem, mein einziges Ziel heute in meinem Kopf lautet Delle. Dort gibt es zwei Möglichkeiten. Abbruch der Tour oder Besuch in der Apotheke, so eine Arnika-Salbe, dies würde vielleicht helfen, denke ich mir.

Kurze Zeit danach bin ich einmal mehr nahe an der Schweizer Grenze. Der Durchgang sei verboten. Ich will auch gar nicht zurück in die Schweiz, das Grenzstädtchen Delle reicht mir zur Genüge. Eigentlich verläuft mein Weg bis nach Delle fast ganz im Wald. Irgendwann gelange ich aber zu einer Waldlichtung.

Da war ich doch schon mal. Genau, im Jahre 2020 wanderte ich zusammen mit der Familie von Boncourt nach Chiasso. Im Hintergrund klein ist der Turm des Mont Renaud zu erkennen. Unsere Reise führte damals quer durch die Schweiz zum südlichstren Punkt der Schweiz. Und auch 2026 soll es ebenfalls dorthin gehen, diesmal einfach aussen herum.
Dieses kleine Rendez-vouz beglückt mich, auch wenn ich nun vor drei Optionen stehe: a) Ich laufe in der Schweiz bis nach Delle (kürzester Weg), b) ich wandere zurück (ein Plus von ca. 2 Kilometern) oder c) es geht durch das Gebüsch zurück zum Weg. Ich entscheide mich für Variante c). Ich watschle durch das Unterholz, steil ist es und rutschig zugleich auch. Mehr als einmal lande ich auf dem Boden. Schmerzhaft ist es nicht, dreckig und nass derweil schon.

Erst gegen 12 Uhr bin ich in Delle. Die Apotheke hat geöffnet. Zwei Tuben Arnika und eine Kniebandage gönne ich mir. Kostet 50.05 an Euro. Die letzten 5 Cents sind geschenkt. Vor der Türe setzte ich mich hin und reibe die Salbe ein, danach die Bandage auf das Knie. Ich stehe auf, und ja, die Schmerzen sind weg. Glücklich wandere ich los, der Tag bzw. die Tour ist gerettet. Etwa 100 Meter später bemerke ich, dass ich die Stöcke in der Apotheke liegen liess. Wie müde muss ich sein, dass gar die Stöcke liegen lasse?
Also zurück, Stöcke «fassen» und weiter geht es. Zum Glück bleibt es dabei, auch mit Stöcken, ich wandere ohne Schmerzen. Hungrig bin ich. Nur scheint Delle wie ausgestorben. Viele Geschäfte sind geschlossen. Nicht einfach für heute, sondern wohl für länger oder gar immer. Auch bei den Restaurants sieht es nicht so aus, als würden Gäste erwartet. Die Rettung besteht in einer Imbissbude. Es gibt eine Pizza nach französischer Art. Sehr viel Käse mit sehr wenig Tomatensauce. Mit viel Appetit kein Problem.

Von meinen 39 Kilometern habe ich in Delle erst 18 erlaufen. Mit vollem Bauch und nach bestem Wissen «ärztlich» versorgt, wandere ich gut gelaunt zunächst einer Landstrasse, später auf freiem Feld durch die Gegend. Es geht schmerzlos in die ersten Jura-Hügel.
Die Anstiege werden länger und steiler, aber das kümmert mich nicht. Ich freue mich daran, einfach weiterlaufen zu können, ja zu dürfen.

Nach gut zwei Stunden erreiche ich Abbévillers, 30 der 39 Kilometer für heute sind geschafft. Es geht nun stetig hinauf nach Blamont, meinem Tagesziel. Leider finde ich die direkte Abkürzung zum Ort nicht. Über eine weite Schleife geht es auf schlechtem Weg steil hinauf. Oben angekommen finde ich einen Ort vor, wo zumindest eine Bar geöffnet hat. Wo ich hier einkaufen könne, frage ich.
Ah, das sei ausserhalb des Ortes, über den Hügel. Und so werden es für heute aus den geplanten 39 Kilometer am Ende deren 42. Im Supermarkt kaufe ich wie wild ein. Der Tag ist gerettet. Mit schwerem Gepäck, aber nicht ohne Stolz ob der «Beute» laufe ich zurück zu meiner Ferienwohnung. Ein langer Tag war es. Die Füsse spüre ich am Ende dann doch wieder, aber es ist nicht mehr dieser stechende Schmerz im Knie und die Arnika-Salbe tut meinen Füssen wohlig gut.
Tag 10: Lange Hügel bis zum Doubs
Bereits vor sieben Uhr bin ich wieder auf den Beinen. Es geht hinunter zum angestammten Weg. Es folgt darauf ein erster Aufstieg. Oben angekommen, in Villars-lès-Blamont, treffe ich auf einen grosszügigen Brunnen.

Ein Bus fährt an mir vorbei, ein kleines Zeichen von Zivilisation, dies immerhin. Es geht weiter hinauf. ich bin nun auf über 700 Metern angelangt. Das Gitter zum Weg über die Weide lässt sich nicht öffnen, ich muss unten durch klettern. Ich befürchte eine Horde wilder Kühe. Diese aber bleiben friedlich. Der Hund darauf weniger, aber zwei lange Stöcke, es bleibt bei genügend Abstand.

Es folgt ein schöner Weg hinunter zum Doubs. Am Ende wird es aber garstig steil, und das Knie meldet sich erneut. Nicht wahnsinnig, aber doch spürbar.

Ich bin daher nicht traurig, als es unten beim Doubs gleich wieder in die Höhe geht. Der Anstieg ist steil und will verdient sein. Fast 600 Meter geht es in die Höhe.

Unterwegs geht es durch Courtefontaine. Ein schöner Ort. Mittags kurz vor zwölf Uhr treffe ich eine Schar Kinder an, welche die allumfassende Stille des Ortes mit Leben erweckt. Gleich nebenan steht der Schulbus bereit, um die «Meute» wohl später auf die Weiler zu verteilen. Gemäss Karte gibt es ein Restaurant «Chez Papa», das aber nur von Donnerstag bis Sonntag ein paar Stunden geöffnet hat. Die Abgeschiedenheit ist hier enorm. Fast schon als Sensation kann angefügt werden, ich treffe seit Basel erstmals auf drei Wandernasen.

Das Rätsel wird kurz danach aufgelöst, ich bin auf dem GR5 gelandet, jenem europäischen Fernwanderweg, der von den Niederlanden bis nach Nizza führt. Vom Genfersee bis nach Nizza bin ich letztes Jahr gelaufen, in diesem Sinn ist es ein erfreutes Wiedersehen.

Über eine Krete bzw. Hügelkamm, einem stetigen Auf und Ab geht es zu meinem Tagesziel, dem Ort Charmauvillers. Im Prinzip hätte ich auch direkt hinunter zum Doubs über Gaumois oder über Damprichard wandern können. Da ich in beiden Orten aber keine passende Unterkunft (mehr) fand, wurde es Charmauvillers.

Unterwegs gibt es viel Landwirtschaft, satte Wiesen. Kühe in einer Zahl, als wäre ich ganz bestimmt in der Schweiz und schöne alte Jura-Häuser, als wäre ich noch bestimmter und ganz gewiss in der Schweiz.

Auf hartem Pflaster holt mich die Realität in Charmauvillers ein. Ich könnte ein x-faches an Häusern kaufen denn dass ich einen Laden oder ein Restaurant finden würde. Einzig einen Automaten für Käse, Milch und Butter gibt es bei der lokalen Käserei. Riesige Tanks, wohl für die Milch ergeben eine fast schon apokalyptische Szenerie. Ansonsten ist da nichts bzw. eben genau eine Ferienwohnung, die frei ist.
Das Appartement ist reichlich ausgestattet. Neben dem Whirlpool, in dem ich gefühlte Stunden im Sprudelbad meine Muskeln entspannte, hätte es auch eine Sauna gegeben, doch bei Aussentemperaturen über 30 Grad verspüre ich keine Lust auf einen zusätzlichen Schwitzofen. In Erinnerung bleibt mir ferner, der «Pool» lässt sich nur abschalten, indem beim Sicherungskasten der Kippschalter auf Aus gedrückt wird.

Der Vermieter bringt mir eine Flasche Wasser und auch ein Bier. Das Morgenessen hole er beim Bäcker. Wenn ich es sprachlich verstanden habe, so sei das nicht vor ‚Six heures et demie‘ (6 Uhr 30) möglich.
Tag 11: Hungrig und durstig dem Doubs entlang
Das Morgenessen habe ich verpasst, denn selbst nach sieben Uhr finde ich keinen vereinbarten Frühstückskorb vor der Türe. Ebenso sehe ich, dass die beiden Autos des Vermieters auf dem Parkplatz stehen. Weiter zu warten erscheint mir wenig sinnvoll. Für den Nachmittag sind über 30 Grad angesagt, und vor mir stehen erneut fast 40 Kilometer Fussmarsch.
Die Länge der Etappe ist dem geschuldet, dass ich dazwischen keine freie Unterkunft auf der französischen Seite fand. So mache ich mich denn um viertel nach Sieben auf den Weg. Es geht hinunter zum Doubs. Der Abstieg ist zuweilen steil und gar steinig bis felsig. Heute zum Glück verspüre ich auch beim Abstieg kein Ziehen mehr im Knie, Arnika sei Tausend Dank!

Ich wandere ganz alleine. keine Seele ist heute unterwegs. Dafür schnattern überall Enten und auch die Vögel zwitschern die Botschaft entgegen, es wird ein schöner Tag.

Es geht immer leicht aufwärts dem Fluss entlang entlang hinauf. Die Einsamkeit in dieser tiefen Schlucht ist immens. Kurz treffe ich auf ein Strässchen, ein zwei Autos tuckern an mir vorbei, aber sonst, es ist dies eine mystische Natur.

Nach etwa einer Stunde erreiche ich den Lac du Biofond. Der gestaute See begleitet mich eine weitere Stunde, einmal geht es über eine fast senkrechte Eisenleiter über einen Felsen in die Höhe. Wer nicht schwindelfrei ist, leidet wohl.

Zivilisation gibt es fast keine. Aus der Ferne heulen ein paar Motorsägen, aber ansonsten scheint da wirklich niemand zu sein. Am Ende des Sees gibt es auf der Schweizer Seite ein paar Häuser, ein Restaurant scheint nicht darunter zu sein. Eine schmale Brücke führte in die Schweiz, aber ohne Aussicht auf Nachschub, die Liebe zur Schweiz hat zuweilen enge Grenzen.

Flussabwärts gibt es nach zwei weiteren Kilometern eine weitere Brücke in die Schweiz. Dort gibt es gar eine Postautohaltestelle (Kurs am Morgen und am Abend) und eine Herberge mit dem treffenden Namen «La Chambre des randonneurs».
Auf der französischen Seite finde ich während ca. 20 Kilometern genau ein bewohntes Haus. Dort erhalte ich von einer älteren Frau Wasser. Sie fügt noch an, es gebe hier am Doubs nichts, auch keine Brunnen. Einzig zwei Kilometer weiter flussabwärts, dort gebe es eine Wasserstelle.

Dieses «Manko» an Zivilisation steht im satten Kontrapunkt zu einer Landschaft, die unendlich viel Genuss bietet. Nur ist der Weg zuweilen etwas arg gespickt mit Steinen. Bei der Wasserstelle angekommen, gibt es eine kleine Hütte (kann als Biwak genutzt werden), eben die Wasserstelle und einen Tisch.
Ich treffe auf Pasquale. Sie wandert von Touluse bis nach Strassburg und später im Jahr wolle sie durch die Pyrenäen wandern. Ich hätte mich gerne weiter unterhalten, aber mir steht noch ein langer Weg bis nach Morteau bevor. Pasquale meint, ich könne ja auch im Ort davor übernachten. Etwas schwierig halt, wenn das Zimmer in Morteau bereits reserviert ist.

Wiederholt treffe ich auf die kleinen Schutzhüttchen. Und wiederholt muss ich aufpassen, dass die bolligen Steine auf dem Weg mich nicht zu Boden bringen. Etwa zwei Kilometer vor der Staumauer des Lac des Brenets geht es steil in die Höhe. Ich schwitze. Durst und Hunger plagen mich leidlich.
Im Weiler Le Pissoux frage ich erneut nach Wasser. Eine gute Wahl, denn oben auf der Anhöhe ist zwar der Blick allumfassend, aber die Sonne brennt mit voller Wucht auf das Landsträsschen. Schaten gibt es auch keinen mehr, ohne genügned Wasser wäre der Marsch schon fast ein eher gefährliches Unterfangen.
Aber auch genügend Wasser täuscht den Magen nicht darüber hinweg, dass er nunmehr seit ca. 30 Kilometer auf Nachschub wartet. Ich laufe an einem Haus vorbei. Dezent geht geschrieben ‚Restaurant Belvedere‘. So dezent im übrigen, dass ich die Frau im Garten nicht stören wage.
Offensichtlich ist, die Einkehr gibt es längst nicht mehr, es wird da sehr feudal privatisiert. Und es wäre von daher auch unangemessen, offen hinter die grasgrün sattgepflege Hecke einen knurrenden Magen anzumelden.

Mehr Glück habe ich einige Kilometer später bei Les Calèches du Saut du Doubs. Vor dem üppigen Lokal stehen grosse Planwagen. Später lese ich im Netz, dass die Fahren grenzüberschreitend seien.
Im Lokal erwartet eine rustikale Ambiente. Ausser einer Frau an der Theke ist niemand da. Im Prinzip sei die Küche nicht geöffnet, für ein feines Käseplättchen reicht es aber dennoch. Der Abstieg nach Morteau ist gerettet.
Unten im Tal das volle Programm an Zivilisation. Die Diskrepanz zur morgendlichen Abgeschiedenheit ist immens. Schon beim Ortseingang gibt es sämltiche mir bekannten Imbiss-Ketten und die entsprechenden Super-Markets ebenso.
Zum Hotel führt mich der Weg über eine kleine Anhöhe. Ich bin schon versucht, mich über die paar Höhenmeter zu ärgern, ehe ich auf ein stattliches altes Fabrikgebäude treffe. Chocolatier Klaus steht da geschrieben.

Ich trete in den Fabrikladen ein, mein Herz ist hocherfreut. Einmal ist da dieser krasse Gegensatz, dass ich fast den ganzen Tag (primär kulinarisch) in Kargheit unterwegs war, und hier auf ein wahres Schokoladen-Paradies treffe. Weiter ist da aber auch ein derart liebevoll ausgestatteter Laden, der einfach sehr zum Verweilen (und zur Degustation) einlädt.
Am liebsten würde ich nun mächtig einkaufen, aber da morgen nochmals ein Wandertag ansteht, und Temperaturen weit über 30 Grad angesagt sind, wäre das kein gelungenes Unterfangen. So verkoste ich die verschiedenen Produkte und begnüge mich mit einer Packung mit farblich prall verzierten Lebkuchen.

Bei der Frau an der Theke erfahre ich noch, dass Chocolatier Klaus ursprünglich auch eine Fabrik in Le Locle gehabt habe. Dieser Standort existiere aber nicht mehr. Die Produkte würden primär in der Franche-Compte vertreiben, und über den Webshop klaus.com.
All jenen, welche diese Zeilen «nur» lesen, um gedanklich mitzuwandern, sei gesagt, es gibt täglich mehrere Züge von Le Locle nach Morteau (und zürick), der Fabrikladen liegt etwa 500 Meter vom Bahnhof entfernt. Die Produkte sind von vorzüglicher Qualität, kurz und gut, eine Reise nach Morteau lohnt sich alleine wegen Chocolatier Klaus ganz bestimmt. Ganz persönlich beschliesse ich, doch da will ich nochmals hin, ganz ohne Wanderschuhe, und das heisst ja doch etwas.
Tag 12: Mit nassen Füssen bis nach Pontarlier
Morgens um sechs Uhr starte ich. Dank dem frühen Aufbruch erlebe ich ein faszinierendes Spiel von Nebelschwaben, die über dem Doubs leicht und anmutig in die Höhe schweifen.

Es ist dies die bislang schönste Morgenstimmung auf meiner Reise. Getrübt wird diese wunderbare Stimmung einzig kurz darauf dadurch, dass mein Weg mitten durch eine ungemähte Wiese führt. Ich hätte den Umweg nehmen sollen, denn nach Durchqueren des kleinen Wegstückes (vielleicht 100 Mehter) sind nicht nur meine Hosen klatschnass, sondern auch meine Wanderschuhe.

So laufe ich danach wenig einladend mit nassem Füssen. Und dabei habe ich gestern extra noch meine Socken gewaschen und gefühlt über eine Stunde mit dem Haartrockner frisch hergerichtet. Alles unwiderruflich zerstört in ca. 2 Minuten.
Etwas rationaler an die Sache gegangen, hätte das Feld nicht gequert, aber in dieser einzigartigen Morgenstimmung kam ich gar nicht erst auf die Idee, dass Nebelschaden oben auch Nässe unten bedeuten könnten. Wandern heisst lernen, manchmal auf die nasse Tour.

Die typischen Jurahäuser sind allesamt gross und stattlich, die Hügelzüge ebenso. Erstmals auf meiner Tour geht es auf über 1000 Meter.

Der Anstieg selber stellt keine Probleme dar, nur sind die Wege zum Teil doch sehr schlammig und nur mit viel Balance passierbar. Nun, die Füsse sind ohnehin nass, da spielt etwas Schlamm an den Sohlen keine so grosse Rolle mehr.

Später wandere ich auf Asphalt. Viel Verkehr hat es nicht. An diesem Pfingstsamstag sind viele Rennradler/innen unterwegs. Ein Tausch wäre schon verlockend, nur wer gäbe mir sein Edel-Bike gegen meine Wandermontour her? Unterfangen aussichtslos!

Später biege ich nach links ab, es geht über einige Anhöhen durch sensationell schöne Waldstücke. Zuvor kann ich endlich noch neue Socken montieren. Die Schuhe waren in der Zwischenzeit soweit getrocknet, dass neue Socken dem restlichen Nass der Schuhe gewachsen sind.

Der Rest bis nach Pontarlier war von daher schuhtechnisch etwas angenehmer. Allerdings habe ich durch das Nass in den Sohlen zum Abschluss zwei mächtige Blasen eingefangen. Um halb zwei Uhr bin ich beim Bahnhof Pontarlier. Müde und zufrieden stelle ich fest, in 5 Tagen habe ich gute 170 Kilometer erlaufen. Ich darf zufrieden sein.

Die Rückfahrt mit dem Zug nach Zürich will trotzdem verdient werden. Die Züge in die Schweiz fahren sehr sehr sparsam. Es gibt um 15:00 Uhr eine Vrbindung nach Neuchatel, um 17 Uhr müsste ich in weiter Kehre über Frankreich und Basel zurück und danach gäbe es noch eine Verbindung um 21 Uhr über Bern.
Dies ist einigermassen bemerkenswert, denn Pontarlier war in den 80er-Jahren eine TGV-Strecke von Bern nach Paris. Heute wirkt der Bahnhof ausgestorben. Kein Wunder, der TGV fährt schon lange nicht mehr hier durch. Geblieben ist ein Parking TGV, dass 120 Fahrzeugen Platz böte. Im Zug nach Neuchatel um drei Uhr befinden sich vielleicht etwa 20 Personen. Wohl wahr, da ergeben mehr Verbindungen keinen Sinn.
Ich bin gespannt, wie ich dies mit dem Weiterwandern anstelle. Die erste Verbindung von Zürich gelingt auf 11:01 nach Pontarlier. Dabei führte die Reise aber über Basel, Mulhouse und Dijon (!!!) und dann zurück über Fresne. Der erste «direkte» Zug erreicht Pontarlier erst nach ein Uhr am Nachmittag.
Troztdem bin ich zuversichtlich, auch dieses kleine «Problem» irgendwie zu meistern. Nach nunmehr 400 Kilometern zu Fuss habe ich gelernt, es verläuft längst nicht alles nach Plan, aber letztlich geht es stetig voran. In diesem Sinne freue ich mich auf eine baldige Weiterreise.