Von der Rhone bis zum Aostatal

Meine Pause in den Sommerminaten bringt mich in Nöte. Der Weg von der Rhone bis ins Aostatal führt bekanntlich durch die Savoyer Alpen. Der GR5 vom letzten Jahr lehrte mich, die französischen Refüges (Bergunterkünfte) schliessen bereits Mitte September. Bis ich die Unterkünfte hatte, es war eine harte (und teure) Nuss. Ansonsten kann vorweg berichtet werden, dass dieses Teilstück extrem schön ist.

Tag 18: Endlich ostwärts, aber durch den Dschungel

Eigentlich wollte ich ganz mit dem ÖV anreisen. Aber zwischen Genf und Farges finde ich an diesem Donnerstag erst eine Verbindung, mit der ich um ca. 13:30 Uhr loslaufen könnte. Erneut bestelle ich ein Taxi.

Der Fahrer erklärt mir auf meine Frage nach einer ÖV-Alternative, heute sei in Frankreich ein Feiertag. Alles klar, die 50 Euro das unabdingbare Tor zur Wanderwelt

In Farges nehme ich positiv zur Kenntnis, wenigstens das Restaurant hätte heute geöffnet. Es geht auf einer Landstrasse nach Collonges. Das Städtchen bietet viel Charme und die Läden haben trotz Feiertag geöffnet.

Gut gestärkt laufe ich Richtung Rhone. Es geht durch weite Felder hinunter zur Pont Carnot. Es ist dies die einzige Brücke weit und breit.

Irgendwann der erste Blick zum Fluss, später die Hauptstrasse mit viel Verkehr. Vor der Brücke hat es Platz links der Strasse, bei der Brücke selber gibt es kein Trottoir. Es gilt ein «Zeitfenter» ohne Brummis abzuwarten, um danach mit schnellen Schritten auf die andere Seite zu gelangen. Das Vorhaben gelingt.

Nun habe ich es also tatsächlich geschafft, die Rhone ist überquert. Von nun an geht es für ca. 600 Kilometer Richtung Osten. Das erhabene Gefühl verflüchtigt sich bald. Die Schritte Richtung Osten sind ja nicht kürzer als jene in den Westen.

Ein letzter Blick zurück zum Jura. Mein Weg führt mich durch kleine Dörfchen. Wir sind in der Provinz. Angefügt sei, dass es mich Stunden kostete, eine Unterkunft zu finden. Am Ende fand ich ein Gästezimmer, aber der Umweg beträgt ein paar Kilometer.

Auf der weiten Schlaufe zur Unterkunft gerate ich in eine Waldpassage, die mir gröbere Mühe bereitet. Einen Weg kann ich irgendwann nicht mehr ausmachen. Dank Navi finde ich eine Waldlichtung und lande auf einem grosszügigen Villengelände.

Zum Glück war niemand da, insbesondere sehe ich mich keinen bissigen Hunden ausgesetzt. Allerdings muss ich klettern, um über den Zaun zurück auf die Strasse zu gelangen.

Allmählich kommen die ersten Hügelzüge der Alpen näher. Minzier, Savigny und Marlioz lauten die Namen der kleinen Dörfer.

Bevor ich in einem bescheidenen Weiler nahe von Choisy bei meinem Nachtlager eintreffe, mache ich einen Halt in einem Restaurant. Erst weiss die Frau nicht so recht, wie sie zwei Sandwiches ohne Fleisch zubereiten soll. Aber dann schlägt sie neben Käse und Grünzeug (Crudités) auch noch Tomaten und Ei vor. Für je sieben Euro gibt es sehr üppige und leckere Kost, ich musste nicht hungrig zu Bett.

Tag 19: Durst und kein Essen

Am nächsten Morgen bin ich früh unterwegs. Bald finde ich mich in den Hügeln. Es folgt ein langer Anstieg bis auf fast 900 Meter.

Der voralpine Charakter der Landschaft wird durch eine grosse Schafherde verstärkt. Friedlich grasen sie auf einer kargen Wiese.

Leider finde ich auch in Choisy keinen geöffneten Laden, sodass ich hungrig über den Hügel muss.

Irgendwann treffe ich auf ein paar Sträucher mit Brombeeren. Es sollte mein gesamtes Frühstück sein. Dafür gibt es einen erhabenen Blick hinunter zum Lac d’Annency, wenn auch nur kurz. Ansonsten ist es wolkig und trüb.

Weiter unten im Tal treffe ich auf den Weiler Metz-Tessy. Ich finde zwar ein Sushi-Restaurant, aber erneut keinen Laden.

Es folgt der Gang über die Autobahn. Mit hohem Tempo rauschen die Fahrzeuge an mir vorbei. Ebenso wenig einladend sind die nächsten Kilometer.

Industrie links und rechts der Strasse. Gekauft werden könnte alles, ausser eben Lebensmittel. Noch bin ich guten Mutes. Gemäss Karte wandere ich die nächsten 10 Kilometer mehr oder minder durch Dörfer, was kann da schon schief gehen?

Um es kurz und knapp zu sagen, so ziemlich alles. Bei einem kleinen Cafe, das geöffnet gehabt hätte, sehe ich etwas weiter entfernt eine Bäckerei. Als ich dort bin, sehe ich, sie hat geschlossen. Zurück zum Cafe mag ich nicht laufen, was ich später bitter bereuen sollte.

Dann laufe ich für längere Zeit einer Hauptstrasse entlang. Fast im Minutentakt fahren die Busse an mir vorbei. Aber, einen Laden finde ich nicht, absolute Fehlanzeige.

Dann sehe ich auf meiner Karte «Hofladen». Dort angekommen sagt mir der Bauer, der Laden existiere schon eine ganze Weile nicht mehr. Fehlanzeige zwei!

Nach einer weiteren Stunde Wildnis frage ich bei einem Bauarbeiter am Strassenrand nach Wasser. Er sagt mir, im nahen Ort Provenant gäbe es bei der Kirche ein Restaurant. Dort angekommen finde ich zwar ein Retaurant und ein Cafe, doch haben beide geschlossen. Fehlanzeige drei!

Erneut muss ich bei einem Haus nach Wasser fragen und erhalte endlich das begehrte Nass. Das Mittagessen im übrigen bestand aus eineinhalb Äpfeln, die ich vom Boden aufliess. Die Hälfte ist der Tatsache geschuldet, dass der zweite Apfel faul war.

Nach 32 Kilometern treffe ich bei der Unterkunft ein. Der Gastgeber ist ausgesprochen freundlich und bringt mir Früchte. Später gibt es ein sehr leckeres Mahl. Am nächsten Morgen sollte die Bemerkung fallen, ich sei aber wohl hungrig gewesen gestern abend.

Tag 20: Ein weiter Weg wird noch weiter

Früh am Morgen verlasse ich das Dörfchen La Balme-de-Thuy. Es ist noch kühl an diesem Morgen, der Schatten ragt tief ins Tal hinein. Wohlan, ich bin nun doch mitten in den Bergen angelangt.

Am Wegrand erblicke ich eine Grotte, später lese ich von der Grotte de Notre-Dame de Lourdes. Es ist dies eine Pilgerstätte, die der originären Grotte in Lourdes nachempfunden ist. Am frühen Morgen bin ich alleine, der nahe grosse Parkplatz um die Ecke zeugt von mehr «Leben» zu späterer Zeit.

Für mich ist die Ausstattung gar künstlich, mein erstes Tagesziel lautet Thônes und ist real. Es geht dem Fluss Fier entlang. Klingt alles sehr religiös. Der Weg allerdings nach Thônes führt durch ein stattliches Industriequartier.

Im Ort selber treffe ich auf einen grossen Markt. Das ist quasi meine Rettung aus höherer Instanz. An den Ständen kann ich Lebensmittel und Früchte einkaufen, die Auswahl ist üppig. Nur fragt sich, wie viel ich einkaufen soll, denn es folgt ein Anstieg mit über 1000 Höhenmetern. Vier Bananen und ein Olivenbrot sollen es sein, mehr mag ich nicht den Berg schleppen.

Zu Beginn ist der Weg einfach steil. Später wird es noch steiler und der Pfad zunehmend schlechter. Irgendwann ist für mich der Punkt erreicht, wo ich umkehre. Damit folgen zwar ein zwei Kilometer Umweg, aber dafür ist der über eine Wiese führende Grashang ohne Schwierigkeiten zu haben. Oben heulen die Hunde eines Gehöfts, ich mache mich leise und in einer weiten Schlaufe aus dem Staub.

Allerdings verpasse ich dabei erneut die richtige Abzweigung und «geniesse» einen weiteren prächtigen Umweg. Dann endlich geht es gut versteckt auf einem schmalen, aber nicht schwierigen Weg in die Höhe.

Oben angekommen gibt es schöne Blicke in die Savoyer Voralpen. Im Hintergrund weit entfernt wohl der Mont Blanc. Es geht dem Hang entlang nach La Crox Fry. Auf fast 1500 Metern geniesse ich einen Teller Teigwaren. Gestärkt geht es danach einem Skilift entlang leicht hinunter, und danach hinauf zum Col des Aravis.

Oben gibt es reichlich Touristenklamauk. Ob all diese holzigen Souvenirs (kann auch sein, dass es nur Imitate wären) wirklich aus der Region stammen, ich hätte da meine Zweifel. Mein Interesse gilt aber eher den nicht touristischen Genüssen. An der Theke eines Restaurants möchte ich ein Glace kaufen.

Bis die Maschine läuft, dauert es eine Viertelstunde. Die Service-Frau sagt mehrfach «Une minute». Ein kleiner Becher Softeis kostet 3 Euro. Zuvor musste sie aber vier Becher wegschmeissen, weil da kam einfach kein Eis. Und am Ende, sagen wir es so, mein Becher war der Hauch eines Eises.

Von vorzüglicher Qualität dagegen der Blick zum Mont Blanc. Es folgt der Abstieg hinunter nach Flumet. Etwa 800 Höhenmeter, verteilt auf 12 Kilometer.

Für lange Zeit geht es dem Gewässer «L’Arrondine» entlang. Zwei drei Wandernasen laufen mir entgegen. Später müsste ich mit dem Wanderweg weit hinauf. Ich spare mir den Umweg und laufe der Strasse entlang. Ein Trottoir gibt es nicht. Ein paar Töffs und übrige Karossen sind es schon, bis ich endlich das Tagesziel Flumet erblicke. Dafür habe ich merklich Höhenmeter gespart.

Das Stadtchen Flumet bietet prächtige farbige Häuserreihen. Im Hotel Mont Blanc finde ich eine preiswerte Unterkunft. Ich bin unschlüssig, ob ich das Frühstück buchen soll, habe ich doch eingangs des Ortes eine Bäckerei entdeckt. Trotzdem buche ich das Frühstück; eine weise Wahl, die Bäckerei sollte am nächsten Morgen nämlich geschlossen sein.

Der Tag war hart. Zusammen mit den Umwegen dürften es gute 2000 Höhenmeter und ca. 33 Kilometer gewesen sein. Der Gang zum 50 Meter entfernten Restaurant erfordert viel Motivation. Die Pizza dafür von vorzüglicher Qualität.

Tag 21: Luxus in den Bergen hat seinen Preis

Gut gestärkt mache ich mich auf die heutige Etappe. Es folgen in etwa 1200 Höhenmeter am Stück, erstmals geht es auf über 2000 Meter. Kurz und gut, ich bin in den Hochalpen angelangt.

Auf zuweilen steilem Pfad geht es in die Höhe. Der Skiort Notre-Damme-de-Bellecombe zeugt von wenig architektonischer Erhabenheit. Positiv gesehen ergibt dies einen noch stärkeren Kontrast zu dem, was danach folgt.

Lange lauschige Waldpassagen, schöne Blicke in die Ferne und nahen Täler. Abgesehen von der Anstrengung des Anstieges, was will das Wanderherz mehr?

Oben für kurze Zeit etwas Rummel. Es ist Sonntag und ein paar Familien sind mit den Kindern unterwegs. Kurz ein ausgesetztes Wegstück mit fast schon stauartigen Verhältnissen, später wieder die absolute Ruhe.

Ich bin nun deutlich oberhalb der Baumgrenze unterwegs. Von der Aussicht her sind das Freudensprünge, wenn auch die pralle Sonne die Vitalität jetzt etwas lähmt.

Entlang des Weges treffe ich immer wieder auf grössere Kuhherden. Der einzige Schatten bestünde darin, bei den per Helikopter angeflogenen mobilen Melkställen an der richtigen Seite anzulehnen.

Allerdings sind dort die Kuhfladen noch zahlreicher als entlang des Weges, sodass ich für die Rast doch lieber an ein kleines Sträuchlein in Beschlag nehme. Ist zwar nicht ganz sonnen-, aber dafür doch geruchsfrei.

Bereits um halb drei Uhr bin ich bei der Unterkunft. Das Chalet hat Postkartenkult, ohne Zweifel. Ich wäre auch mit einem einfachen Réfuge zufrieden gewesen, aber entweder waren diese bereits geschlossen, oder dann ausgebucht.

Und weil es entlang des Weges einfach nichts, aber auch gar nichts gab, nächtigte ich letztlich zu einem Preis, der dem gehobenen Ausbaustandard durchaus gerecht wird. Gute 190 Euro für ein Zimmer. Fairerweise sei angefügt, dass ein sehr sehr reichhaltiges Frühstück im Preis enthalten ist.

Dafür wird einiges geboten und das Viergang-Abendessen für 30 Euro ist günstig, das Picknick für 8 Euro gar ein Schnäppchen.

Für diesen Preis finde ich mich ferner in einer Klientel, die sicher auch gerne mal ein oder zwei Hunderter für die Flasche Wein springen lässt. Ich begnügte mich mit Wasser.

Angefügt sei, dass die Gastgeberin, obwohl ich jetzt vom Outfit her betrachtet nicht zu den übrigen Gästen passte, mich ausgesprochen freundlich bediente.

Das nicht ganz preiswerte Abenteuer wurde ferner mit einem Sonnenuntergang gekrönt, der einen den Preis vergessen lässt; zumindest bis die Abrechnung der Kreditkarte ins Haus flattert.

Tag 22: Trotz Umweg schnell hoch hinaus

Heute geht es über drei Pässe. Erst zum Col de la Fenêtre. Erst eine Fahrstrasse, später, das letzte Stück ist steinig, technisch aber nicht anspruchsvoll. Am Wegrand steht ein einfacher Wohnwagen mit geöffneter Tür. Der Kontrast zu meinem Luxus-Bergchalet für die letzte Nacht nicht ganz klein.

Der Pass ist eher eine felsige Lücke, der Abstieg steil und mit Steinen übersät. Stolpern nicht empfohlen, es wäre aber wohl nicht gerade lebensbedrohlich.

Auf meiner Route ginge es direkt hinüber zum Col du Bonhomme. Schilder mit Steinschlagwarnung raten eindringlich vor der Begehung ab und empfehlen die Hauptroute über das Réfüge de la Balme. Das ist zwar eine gute Stunde Umweg, aber dafür geht es sicher zum Pass Nummer 2.

Der Weg auf der Hauptroute hinauf zum Col du Bonhomme gilt es allerdings mit Dutzenden von Wandernasen zu teilen. Wir befinden uns nun auf der Hauptroute auf der Tour rund um den Mont Blanc. Das ist quasi der Rolls-Royce unter den französischen Wanderwegen.

Alleine ist hier niemand unterwegs. Ich kenne das Teilstück vom letzten Jahr, denn auch der GR5 führt hier durch. Jede/r läuft sein Tempo. Die Grösse des Rucksackes bestimmt dabei nicht primär das Tempo, sondern die Fitness.

Oben auf dem Pass prächtige Rund- und Weitblicke. Nach dem Pass geht es hinüber zum Réfuge de la Croix du Bonhomme.

Leider ist diese Unterkunft bis zum Sommer 2029 infolge Renovationsarbeiten nicht geöffnet. Kein Wunder, gab es unten im Réfuge de la Balme keinen Platz.

Mein Weg führt nicht zur Hütte, ich zweige kurz davor nach links in die Höhe ab. Es geht auf 2683 zum Col des Fours, meinem Pass Nummer 3. Wir finden eine sehr karge steinige Landschaft vor.

Der Abstieg ist steil und verläuft auf nicht sehr stabilem Untergrund. Vorsicht ist geboten. Noch schwieriger bis überhaupt nicht empfehlenswert wäre eine Passage, wenn noch Schnee liegt.

Denn wie gesagt, das Gelände ist steil, auf Schnee wäre ein jeder Rutsch gefährlich. Auch kann es durch die Wärme mit Wasser unterspülte Stellen geben. Es gab bzw. gibt immer wieder (auch tödliche) Unfälle.

Bei meiner Passage im Spätherbst bei stabiler Wetterlage ist der Pass aber sehr leicht zu meistern (entsprechende Kondition vorausgesetzt). Nach dem oberen steinigen Teil folgen unten auch weichere wiesige Wegstücke.

Insgesamt sind es 900 Höhenmeter Abstieg bis zur Alp «La ville de glaciers». Es  kann gesagt werden, dass ich auf diesem Teilstück fast allein unterwegs war.

Vielleicht nehmen die meisten der Mont-Blanc-Wanderer/innen doch die Route über «Les Chapieux», der Umweg beträgt einige Kilometer, der Weg dabei deutlich weniger anspruchsvoll.

Bis zur Unterkunft «Réfuge des Mottets» ist es noch ein Katzensprung. Gute sechs Stunden benötigte ich für die ca. 18 Kilometer und 1600 Höhenmeter. Mit einer gewissen Genugtuung stelle ich fest, die «Schinderei» im Jura trägt (erste) Früchte.

Das Abendessen ist vorzüglich und als Höhepunkt gibt es ein Drehorgelspiel. Ein wahrlich gelungener Abschluss eines tollen Tages.

Tag 23: Benvenuto in Italia

Ein jüngerer Mann meint am Morgen noch zu mir, ich hätte gestern einen guten Speed gehabt. Und ja, ich sehe, es läuft gerade ganz gut. Nach einer guten Stunde habe ich die 4.2 Kilometer und 600 Höhenmeter bis zum Pass bewältigt.

Zur Erinnerung: Noch vor gut einer Woche benötigte ich im Jura für plus/minus die gleiche Distanz etwa 2.5 Stunden. Mein schneller Gang hängt auch damit zusammen, dass ich am frühen Nachmittag das Postauto nach Aosta erreichen möchte, um von dort zurück in die Schweiz zu reisen.

Auf dem Col de la Seigne gibt es zum Abschluss den schönsten Blick zum Mont Blanc. Der Pass bildet die Landesgrenze zwischen Frankreich und Italien. Ein weiterer Meilenstein ist damit erreicht.

Mit gar etwas Wehmut blicke ich ein letztes Mal zurück nach Frankreich. Etwa 500 Kilometer begleitete mich dieses wunderbare Land. Ferner darf ich auch feststellen, ich bin nun definitiv auf der zweiten Hälfte meiner Tour.

Der Weg bis zurück nach Bregenz erscheint dennoch weit. Alleine Italien wird mich nochmals 500 Kilometer begleiten. Zu Fuss sind das nicht ganz so kleine Zahlen.

Und doch schlendere ich an diesem Morgen leichten Schrittes hinunter ins Aostatal. Einmal geht es nicht sehr steil hinunter und weiter begleitet mich eine Kulisse, die schon sehr entzückt.

Schroffe Felsen, garniert mit Gletschern im Wechselspiel mit satten Wiesen und einem talfüllenden Hochmoor, es ist dies eine traumhafte Kulisse.

Oben habe ich den Weg für mich, weiter unten im Tal treffe ich auf immer mehr Menschen, die bergwärts entgegenkommen. Meist zu Fuss, oft auch auf zwei Rädern.

Ich könnte nun der Strasse entlang bis nach Courmayeur marschieren. Etwas zügiger, wenn auch nochmals mit 400 Höhenmeter gespickt, nehme ich die Abkürzung über das Skigebiet «La Visaille». Der Aufstieg über die Piste zeigt, selbst im Spätsommer gibt es kein Gras, sondern einen Kieselhang.

Oben auf der Höhe gibt es den ersten weiten Blick auf das Aostatal. Allerdings ist es nicht ganz einfach, ein Landschaftsfoto zu machen. Überall gibt es Masten oder Schneekanonen. Schön wäre anders.

Der Abstieg ins Tal ist mehr als steil. Dank vielen Spitzkehren und Schatten sind die über Tausend Meter in die Tiefe aber weniger schlimm als befürchtet. Unten lasse ich Courmayeur rechts liegen. Es geht direkt zur Autobahn. Der Pfad auf der Karte entpuppt sich als inexistent, der einzige Weg führt über eine Abfalldeponie.

Irgendwann Sirenengeheul. Ich muss wohl in eine Fotofalle geraten sein. Aufgetaucht ist niemand, zum Glück. Das laute Jum-Jam erinnert mich aber an eine sehr unangenehme Begegnung an Süditalien. Ich lief an einer Müllhalde vorbei und zückte die Kamera. Kurze Zeit danach brauste ein Sportwagen mit albanischem Kennzeichen heran.

Der Mann am Steuer zückte das Smartphone und fotografierte mein Gesicht. Er drohte mir, wenn ich meine Aufnahmen veröffentliche, würden sie mich finden, überall! Das hinterlässt auch Jahre danach Spuren.

Raschen Schrittes nähere ich mich Pré-Saint-Didier, meinem Zielort. Der Name verrät, im oberen Aostatal wird noch reichlich die französische Sprache gepflegt. Beim Schulhaus steht ‚École‘ und auch die Strassennamen zeigen nicht unbedingt, dass ich in Italien bin.

Im Prinzip hätte ich den Bus um 14:50 Uhr nach Aosta erreicht, bin ich doch bereits vor 14:30 an der Haltestelle. Nur erscheint zur Abfahrtszeit kein Bus. Auch gibt es auf der Strasse Richtung Aosta keine Bus-Markierung.

Ich frage einen Mann. Er nimmt das Telefon zur Hand und fragt nach. Danach verweist mit der Hand Richtung Dorf und sagt «Pullman, Eglise». Schnellen Schrittes laufe ich zurück. Auch dort kein Bus. Irgendwann erspähe ich ein kleines Schild, auf dem Aosta steht, samt Pfeil nach links und der Angabe 50 Meter.

Mein Sprint über das kleine Gässchen zur Hauptstrasse bleibt ohne Erfolg. Ich kann gerade noch den abfahrenden Bus ausmachen. Statt im Bus lande ich in einer Art Bruchlandung auf der Wiese. Der Bus ist weg, aber immerhin, die Haltestelle habe ich gefunden.

Eine Stunde später sollte ein Bus fahren. Dieser kommt auch pünktlich. Er ist aber übervoll, mit knappem Platz stehe ich im Mittelgang. Später fährt der Bus an den Haltestellen vorbei, ganze Gruppen von wartenden Passagieren bleiben zurück.

Ich frage eine Frau, ob der Bus immer so voll sei. Sie sagt, die Schule habe begonnen und der Spritpreis sei aktuell sehr hoch. Ich denke, in der Schweiz würde kein/e Autofahrer/in wegen des höheren Benzinpreises auf die Idee kommen, den Bus zu nehmen, derweil im Aostatal der Bus derart voll ist, dass nicht einmal mehr alle mit dem Bus mitfahren können.

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